Aristocat

Aristocat ist ein eher ungewöhnlicher Name. Noch viel ungewöhnlicher allerdings ist dieser Name für die äußerst seltene und wundersame Gattung der Bananenschafe.
Aber hier, genau an diesem Tage, genau auf diesem grasbegrünten Hügel, inmitten einer endlosen, welligen Landschaft aus grasbegrünten Hügeln, saß ein Bananenschaf namens Aristocat und schaute in den Sonnenuntergang.

Aristocat war ein lebensfrohes und verschmitztes Schaf, das gern in den Tag hineinlebte und es sich gut gehen ließ, aber in letzter Zeit war er ein wenig nachdenklicher als sonst, sodass es bald auch seine Freunde Mo der Bär und die Mellimaus bemerkten.

Sie fragten ihn, was denn los sei und Aristocat erzählte ihnen, dass er sich fragte, ob es noch andere Bananenschafe gebe.
Er hatte sich darüber schon oft mit seinem kleinen Irrwicht Bing unterhalten (alle Bananenschafe haben so einen Irrwicht, der ihnen lustige und schöne Flausen in den Kopf setzt, sodass ihnen nie langweilig wird und sie den Kopf immer voll neuer krauser Ideen haben), aber Bing wusste auch nicht sicher, ob es noch andere Bananenschafe gab und hatte sich daraufhin auf die Suche gemacht.
Das war nun schon ein Weilchen her und Aristocat vermutete, dass Bing sich verlaufen hatte und vermisste ihn ein wenig.
"Kein Grund zur Sorge", dachte er bei sich, "Irrwichte finden immer einen Weg."

"Hmmm", machten da Mo der Bär und die Mellimaus gemeinsam und rissen Aristocat aus seinen Gedanken. "Gesehen haben wir noch keine Bananenschafe, aber ganz bestimmt gibt es noch andere. Es gibt ja auch jede Menge Bären und Mäuse. Vielleicht wohnen die nur woanders?"
"Hmmm", machte auch Aristocat und dachte einen Moment nach. "Bestimmt habt ihr recht."
Und nachdem er noch einen Moment sinniert hatte, meinte er: "Ich glaube, ich werde mal wieder ein wenig auf Traumreise gehen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Da trifft man immer jede Menge Leute."
"Und man muss nicht überall zu Fuß hin gehen", dachte er grinsend bei sich.

Gesagt, getan. Von da an war Aristocat beinahe jede Nacht unterwegs und auf der Suche nach anderen Bananenschafen. Er traf ein Menge sehr interessante Wesen aus den unterschiedlichsten Gegenden, aber Bananenschafe schienen tatsächlich sehr selten zu sein, denn er traf lange Zeit keines.

Eines Nachts schließlich, Aristocat war wieder in seinen Träumen unterwegs, rief ihn eine Stimme beim Namen.
Er war ein wenig verwirrt, dass da jemand seinen Namen kannte und hoppelte neugierig drauflos. Es war eine schöne Stimme, die ihn da rief, und er hörte sie anfangs nur leise und selten, aber je weiter er ihr entgegenhoppelte, desto kräftiger wurde sie und schließlich verstand er sie und konnte antworten.

Lange Nächte unterhielt er sich mit der Stimme und hörte ihr zu, wenn sie fröhlich und glucksend lachte und wurde immer neugieriger, wer denn wohl all diese interessanten, bananenschäfrigen Dinge sagte.
Also malten sich die beiden in ihren Träumen Bilder voneinander, um zu sehen, wie der andere wohl aussieht. Aber da das mit Traumbildern im Allgemeinen und mit malenden Stimmen im Besonderen so eine Sache ist, war sich Aristocat nicht so ganz sicher, wie die Stimme denn nun wirklich aussah. Die Dinge sind nunmal im Traum nie so, wie sie scheinen, und sehen schon gar nicht so aus, wie sie sollen.
Er fand das nicht weiter schlimm, denn es machte die Sache nur noch interessanter und aufregender und die beiden beschlossen, sich zu treffen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot.

Das war nun nicht ganz so einfach wie sie sich das gewünscht hätten, denn die Stimme war eine vielbeschäftigte und wohnte zudem noch sehr weit weg.
Die Gelegenheit kam aber endlich, als Aristocat einen alten Freund, den viel belesenen und weisen Uhu Ullerich, wieder einmal besuchen wollte. Der wohnte auch ziemlich weit weg, aber glücklicherweise genau in der Richtung in der auch Stimmchen wohnte, wodurch sich die beiden endlich treffen konnten.

Man verabredete sich für einen Sonntag, der obendrein noch Stimmchens Geburtstag war, und Aristocat wollte sie nach ihrer Rückkehr von noch ganz woanders her am Flughafen abholen. Genau an diesem Wochenende besuchte Stimmchen nämlich ihre Schwester, die heiratete, und war wieder furchtbar im Stress.

Als dann das Wochenende endlich gekommen war, machte sich Aristocat auf die lange Reise und hoppelte los. Er hoppelte über Stock und Stein, durch Bach und Busch, sodass seine Schlappohren nur so flogen und wunderte sich, wieviele andere mit ihm unterwegs waren und die Wege verstopften, denn er kam ab und zu nur sehr langsam voran.
Schließlich kam er bei seinem alten Freund Ullerich an, richtete sich gemütlich ein und war sehr gespannt auf den Sonntag.

Pünktlich machte er sich dann am Sonntag mit einem kleinen Geschenk auf den Weg zum Flughafen. Auf dem Weg wurde er ein wenig hektisch, weil er noch nie so viele Leute auf einmal unterwegs gesehen hatte und den Weg nicht so gut kannte, aber schließlich erreichte er ein wenig zerzaust und verschwitzt, aber doch pünktlich, sein Ziel.

Da stand er nun in einer Traube von anderen Wesen, die alle auf die Ankunft von Freunden, Verwandten, Bekannten, Geliebten oder wem auch immer warteten und schaute gespannt auf die Tür, durch die Stimmchen kommen musste. Immer wieder glitt die Tür kurz auf, um jemanden hindurchzulassen und gab den Blick auf die Ankömmlinge frei. Einige Male hatte er schon vermutet, sie gesehen zu haben, weil freudestrahlend weibliche Wesen, die entfernte Ähnlichkeit mit ihrem Bild hatten, durch die Tür in seine Richtung gekommen waren. Aber jedesmal, wenn er sich schon freuen wollte, gingen sie an ihm vorbei und umarmten jemand anderen.
Er wurde ein wenig hibbelig und schaute aufmerksam umher. War sie vielleicht zu früh angekommen und nun schon weg? Er schaute links, er schaute rechts, die Tür ging auf, er schaute hindurch. Da kam wieder eine kleine Familie, gefolgt von einem Damenschaf.
Hmmm, zu groß und viel hübscher als auf dem Bild. Er schaute sich weiter um. Niemand sonst war zu sehen, der es auch nur entfernt sein könnte. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, das jemand ihn anschaute und äugte zurück. Das Damenschaf ging langsam weiter, schaute immer wieder herüber, und ging weiter vorbei.
Abwechselnd schaute er sich um, schaute zu dem Damenschaf und wartete. Sie stellte sich mit ihren Sachen ein wenig abseits, sah beschäftigt aus, schaute aber wieder herüber.
Hmmm. Sie ging wieder langsam los, diesmal in seine Richtung und ein wenig in seinem Rücken. Er verrenkte sich beinah den Hals, um mit den Augen bei ihr zu bleiben, war sich aber immer noch nicht sicher.
Schließlich war sie beinahe hinter ihm, strahlte ihn aus großen Augen an und stellte sich als Stimmchen vor.
Aristocat war ein wenig baff, strahlte zurück und stellte sich als Aristocat vor. Die beiden gaben sich artig die Hand und schlenderten weiter.
Er musterte sie neugierig.
Sie war ganz eindeutig ein Damenschaf und während er ihr zuhörte dämmerte ihm, dass sich hinter einem Damenschaf ganz natürlich auch ein Bananenschaf verbergen konnte, denn das reimt sich ja schließlich und was sich reimt, ist gut. Und so hörte er der Stimme zu, die er kannte und bemerkte die ganzen neuen Dinge, die er noch nicht kannte, wie zum Beispiel die lustigen Ringelsöckchen in den knallgelben Schuhen, die ihr sehr gut standen, ihre Haare und den Mund, den sie als "chmal" beschrieben hatte, was er aber gar nicht fand.

Sie plauderten und plauderten und gingen weiter ihres Wegs und ahnten noch nicht, welche Abenteuer ihnen in der kurzen Zeit des Besuchs noch bevorstanden. Doch von diesen Abenteuern handelt diese Geschichte nicht, vielleicht werden sie ja zu einer anderen Zeit erzählt.
Nur soviel sei verraten, dass die beiden von Knallfröschen und Elstern heimgesucht wurden, mit Stelzböcken und Brüllaffen zu tun bekamen und Stimmchen von Schnapsdrosseln bei ihrer Schwester erzählte, die sie nur loswerden konnte, indem sie sich in einen Singvogel verwandelte und mit ihrer Stimme alle verzauberte.

Und so ging das Wochenende wie im Fluge vorbei und die beiden trafen sich zum Abschied noch einmal zum essen. Wieder wurde geplaudert und gelacht und mit Essen und Holzstöckchen herumexperimentiert. Stimmchen bekam auch ihre Sachen wieder, die Aristocat in seiner Schafsköpfigkeit am Tag zuvor mitgenommen hatte.
Stimmchen erzählte von ihrem Geburtstag und das sie sich von ihren Freunden zum Geburtstag Geschichten gewünscht hatte, was Aristocat sehr gut gefiel, denn er mochte Geschichten sehr, las sie gerne und ab und zu fiel ihm sogar selber mal eine ein. Prompt versprach er Stimmchen auch noch eine Geschichte zum Geburtstag, denn die beiden hatten in den paar Stunden schon so viel erlebt, dass es für einen ganzen Roman reichte.

Eigentlich hätte sich Aristocat gerne noch viel länger unterhalten und war ein wenig bockig, als die Zeit für den Abschied dann gekommen war. Aber wie das mit Bananenschafen so ist, war das im Nu verflogen und er schalt sich einen Schafskopf, weil Stimmchen nun wirklich sehr müde war, viel Aufregung gehabt hatte und noch arbeiten musste.

Also verabschiedeten sich die beiden und wollten bald wieder voneinander hören. Stimmchen blieb noch bei Freunden, aber Aristocat machte sich wieder auf den Weg in Richtung Heimat und hoppelte los.

Nach einer Weile auf dem Heimweg glaubte er von ferne die vertraute Stimme Bings zu hören, der irgendwo in der Gegend rumorte. Und als Aristocat auf dem Weg eine Pause machte, schwirrte Bing auch schon heran und hatte viel zu erzählen. Auch Aristocat erzählte seine Erlebnisse, woraufhin Bing ganz aus dem Häuschen geriet und Purzelbäume schlug und mit den wildesten Ideen übersprudelte.
Aristocat kannte das, grinste in sich hinein und hörte nicht weiter hin, während er weiter Richtung Sonnenuntergang hoppelte, während Bing neben ihm mit irgendwelchem Unsinn vor sich hin plätscherte.

Als Aristocat dann endlich nach hause kam, verstaute er kurz seine Sachen und trabte zu seinem Lieblingshügel. Dort ließ er sich mit Bing nieder und Bing erzählte von Sachen, die die beiden schon kannten und von solchen, die sich gerade neu auftaten. Und während Bing so erzählte, schlich sich leise von hinten eine Idee in Aristocats Kopf, welche Geschichte er Stimmchen denn als Geburtstagsgeschenk aufschreiben könnte.
Er schmunzelte zufrieden und schaute in den Sonnenaufgang, während ihm die ersten Worte seiner Geschichte zuflogen.

"Aristocat ist ein eher ungewöhnlicher Name. ..."

 

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